Zwar ist das Erwerbsarbeitsvolumen so gering und die Anzahl an Urlaubstagen so hoch wie nie zuvor, trotzdem gilt heute die Zeit als knappste aller persönlichen Ressourcen. Die Gründe scheinen vielschichtig: So führten vor allem die Digitalisierung auf technologischer Ebene und die Flexibilisierung auf gesellschaftlicher Ebene zu einem Zustand der Rastlosigkeit.
Die technische Steigerung der Kommunikationsgeschwindigkeit führte z.B. nicht zu einem Zeitgewinn der Menschen – im Gegenteil. Sie befinden sich, nach Ansicht des Soziologen Hartmut Rosa, ständig auf einem Slippery Slope, in der die Gegenwart schrumpft und Erlebnisse schon nach kürzester Zeit nicht mehr aktuell sind.
Zudem explodierten die Möglichkeiten, seine Zeit zu investieren. Dabei wurde schnell klar: Mehr Auswahl heißt leider nicht mehr Freiheit. Mehr Auswahl heißt einfach nur mehr Auswahl – und je mehr Möglichkeiten es gibt, seine Zeit zu nutzen, desto knapper wird sie wiederum. Wir drehen uns im Kreis. Mit unserer Zeit.
Ihr Einsatz möchte also mit Bedacht geplant sein – mit zum Teil skurrilen Auswirkungen. Zapping ist zur allgemeingültigen zeitlichen Selektionstechnik geworden, das Kopieren ersetzt das Schreiben (Beispiel: zu Guttenberg) und auch die Ehe auf Zeit ist längst kein Tabuthema mehr. Den ungekrönten Höhepunkt unter den neuen Kulturtechniken bilden die im Handy bereits vorinstallierten SMS mit dem Inhalt „Bin gleich da!“.
Der wahrgenommene Zeitmangel scheint zum Diktat der breiten Masse geworden zu sein. Wer Zeit hat, ist entweder besonders reich oder arm. Der Rest möchte die immer knappere Zeit möglichst effizient nutzen, z.B. durch den Konsum von Snack Size Content wie der „Tagesschau in 100 Sekunden“.
Unser Zeitempfinden entkoppelt sich von den realen Messgrößen wie Stunden oder Sekunden. Die Zeit scheint zeitlos (timeless time), da alles gefühlt in Echtzeit passiert. Was zu einem schizophrenen Effekt führt: In den wenigen, kurzen Atempausen fangen wir an, uns zu langweilen.
Micro Boredom beschreibt dieses Symptom, bei dem Personen schon nach geringer Zeit ohne Tätigkeit bzw. Abwechslung Langeweile verspüren. Die Dauerverfügbarkeit von Informationen, Produkten und Dienstleistungen versetzt uns in einen permanenten Aktivitätszustand. Dieser kann fast pathologisch anmutende Auswirkungen auf das Verhalten haben, so z.B. wenn Smartphone-Nutzer in immer kürzeren Abständen überprüfen, ob neue Kurznachrichten oder Mails eingegangen sind.
Vor Micro Boredom schützen wir uns durch die Eventifizierung der Mikro-Zeitinseln. Ob an der Bushaltestelle oder in der Wartehalle am Flughafen; je kürzer die Wartezeiten, desto beliebter sind z.B. Micro Games (kleine und besonders einfach zu bedienende Spiele für das Handy) oder mobile Speed-Wellness-Massagen, die zwischen dem Duty-Free-Shop und der Gangway auf uns warten.
Das Fazit für Zeitarme: ---Mehr Freizeit + mehr Auswahl an Möglichkeiten = gefühlter Zeitmangel --- neue Kulturtechniken entstehen, um Zeit zu sparen: Erfolg fraglich --- Gefühlte Zeit entspricht nicht mehr der echten Zeit --- Trotz Rastlosigkeit empfinden wir Langeweile --- Medieninhalte stellen sich darauf ein und werden zum Snack für zwischendurch ---
Unser Gastautor
Torsten Rehder, Director Knowledge TrendONE Hamburg